27.09.2018

Was nicht gewachsen ist, kann auch nicht geliefert werden

Deutsche Gemüseverarbeiter schlagen Alarm: Europaweite Dürre führt zu Missernten bei Herbstgemüse

Kleine Kohlköpfe, Pflanzenkrankheiten, kurze Erntesaison: Die Ernte von Rot-, Weiß- und Grünkohl fällt dieses Jahr verheerend aus. Die Erntemengen liegen mindestens 25 Prozent unter den Erwartungen. In einigen Regionen belaufen sich die Verluste bei Weißkohl auf bis zu 40 Prozent und bei Rotkohl auf bis zu 50 Prozent. Besonders schlimm ist es bei Grünkohl: Hier fällt die Hälfte der Ernte aus. Schlecht steht es auch um andere Herbstgemüsearten: Bei Möhren, Rote Bete und Sellerie erwartet die Branche mindestens 10 Prozent geringere Erträge als im langjährigen Durchschnitt.

Für die gemüseverarbeitende Industrie ist diese Situation eine enorme Belastung. Denn die Unternehmen haben nur einen Bruchteil der erwarteten Rohware erhalten. Dementsprechend können sie ihre Maschinen nicht auslasten und müssen kürzere Schichten fahren oder ausfallen lassen. Und was nicht verarbeitet wurde, kann auch nicht geliefert werden: Lebensmitteleinzelhandel und Gastronomie müssen sich darauf einstellen, dass Lieferungen ersatzlos gestrichen werden müssen.

„Es ist nicht mehr auszuschließen, dass auch die Verbraucher die Folgen der Dürre spüren werden – und zwar am leeren Regal im Handel“, sagt BOGK-Geschäftsführer Christoph Freitag. Der Grund dafür ist, dass die Trockenheit des Jahres 2018 nicht nur ein Wetterereignis „nationalen Ausmaßes“ ist, wie Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner formuliert hat, sondern dass die Herbstgemüse-Ernte in ganz Europa gleichermaßen betroffen ist. Daher sind Zukäufe aus den benachbarten Regionen Niederlande, Belgien, Frankreich und Polen nicht möglich. Ein noch weiterer Transport aus Russland oder anderen Ländern kommt nicht in Frage, zu teuer und lang wäre der Weg für die frische Rohware.

Die Unternehmen der Branche appellieren daher an das Verständnis der Verbraucher und des Handels: Dies ist eine erste spürbare Auswirkung des Klimawandels. In diesem Jahr wurden Bauern, verarbeitende Industrie und Kunden gleichermaßen überrascht. Es geht nun darum, den Mangel gemeinsam und fair zu ertragen. Die Bauern haben Hilfezusagen der Bundesregierung erhalten. Aber auch die Industrie hat wirtschaftliche Verluste zu tragen: Ihr entgehen beträchtliche Absatzchancen. Dafür, dass sie nicht alle versprochenen Mengen liefern kann, ist sie aber nicht verantwortlich. Dieses Risiko verbleibt bei Handel und Verbrauchern.

Für die nächsten Jahre muss die Gemüsewirtschaft gemeinsame neue Regeln finden, wie mit Missernten umzugehen ist. Die Bundesregierung hat bereits angekündigt, nicht regelmäßig den Landwirten helfen zu können. Eine Hilfe für die Industrie wird gar nicht erst diskutiert, obwohl dies nötig wäre. Aus Sicht der Industrie müssen daher die früher in den Verträgen üblichen Missernteklauseln wieder Standard werden. Hier ist gegebenenfalls auch der Gesetzgeber gefragt. Der BOGK wird das Thema zum Schwerpunkt seiner Jahrestagung 2019 in München machen und lädt Bauern und Handel zum Dialog ein.